Hamburger Abendblatt
Lichtkanonen gegen Winterdepression
Von Cornelia Werner, 5. November 2006
Rund 800000 Menschen in Deutschland leiden in dieser Jahreszeit unter Kraftlosigkeit und gedrückter Stimmung, weil Ihnen das Licht fehlt. Doch den meisten Patienten kann geholfen werden. Fühlen Sie sich traurig und müde? Es kostet Sie große Überwindung, morgens aufzustehen? Ihre Stimmung ist auf dem Nullpunkt, und die dunklen Tage gehen Ihnen auf die Nerven? Dafür kann es eine ganz einfache Erklärung geben. Denn der Lichtmangel im Winter verändert den Stoffwechsel von Nervenbotenstoffen und Hormonen in unserem Körper, und das kann auf die Stimmung schlagen. Bei Menschen, die sehr empfindlich darauf reagieren, kann es sogar zu einer Depression führen. "Etwa 800000 Menschen in Deutschland leiden an einer Winterdepression. Drei Viertel davon sind Frauen", sagt Prof. Michael Chirazi-Stark, Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im Asklepios Westklinikum in Hamburg-Rissen. Die Ursache, so vermuten Wissenschaftler, ist ein Mangel des Nervenbotenstoffes Serotonin und ein Überschuss des Hormons Melatonin. Die Ausschüttung dieses Schlafhormons wird durch helles Tageslicht gebremst. Typische Zeichen der Depression sind Energie- und Kraftlosigkeit, abnehmende Lebensfreude, gedrückte Stimmung, Konzentrationsstörungen und die Neigung zum Grübeln. "Und im Unterschied zu anderen Formen der Depression, bei denen die Betroffenen unter Appetitmangel und Schlafstörungen leiden, entwickeln Menschen mit einer Winterdepression vermehrten Hunger auf Süßigkeiten und ein ausgeprägtes Schlafbedürfnis", berichtet der Psychiater. Wenn sich dann herausstellt, dass solche Anzeichen auch schon in den vergangenen Wintern immer wieder aufgetreten sind, gehen die Psychiater von einer saisonal abhängigen Depression aus...
Doch nicht jede Missstimmung ist gleich eine Depression, die ärztlich behandelt werden muss. "Von einer Depression sprechen wir dann, wenn die typischen Symptome länger als zwei Wochen anhalten und dazu führen, dass jemand im Beruf und in seinen sozialen Beziehungen stark beeinträchtigt ist. Das heißt zum Beispiel, dass ihm plötzlich die Arbeit schwerfällt, die ihm sonst leicht von der Hand ging, oder dass er abends nicht mehr seinen gewohnten Aktivitäten nachgeht, zum Beispiel keine Lust mehr hat, Sport zu treiben oder sich mit Freunden zu treffen und sich am liebsten nur noch die Decke über den Kopf ziehen möchte", so der Psychiater. In solchen Fällen ist eine Therapie nötig. "Das kann man zunächst auch selbst gut behandeln, indem man versucht, sich mehr den natürlichen Lichtquellen auszusetzen. Das heißt zum Beispiel, den Schreibtisch näher ans Fenster zu rücken und am Wochenende möglichst mehrere Stunden im Freien zu verbringen. Außerdem sollte man sich möglichst im Freien viel bewegen, weil die Muskelarbeit dazu führt, dass der Haushalt der Nervenbotenstoffe ausgeglichener wird", empfiehlt Stark. Wenn das nicht ausreicht, kann auch eine Lichttherapie helfen. "Dafür gibt es bestimmte Geräte, die eine Lichtstärke von mehr als 2500 Lux ausstrahlen. Das entspricht dem Licht eines normalen Sommertages. Wenn man sich eine halbe Stunde am Tag vor ein solches Gerät setzt, kann das die Beschwerden schon deutlich lindern. Aber es müssen diese speziellen Geräte sein, die das Lichtspektrum des Tageslichtes enthalten. Deswegen ist ein Solarium, das nur UV-Licht abstrahlt, nicht geeignet", betont Stark. Spezielle Lichttherapiegeräte sind in einigen Sanitätshäusern erhältlich und leider nicht ganz billig. Je nach Aussstattung kosten sie zwischen 400 und 800 Euro. Damit es gar nicht erst zu einer Depression kommt, sollten Menschen, die wissen, wie schwer sich ihnen die dunklen Tage auf die Seele legen, schon rechtzeitig für genügend Licht sorgen. Kommen Sie also gut durch den Winter und freuen Sie sich auf den Frühling, wenn die Sonne wieder stärker wird und Sie mit frischer Energie und neuem Lebensmut versorgt. |